Freitag, 18. März 2016

Scheiß digitale Prozesse

"Wenn sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben sie einen scheiß digitalen Prozess"
Thorsten Dirks, Vorstandsvorsitzender der Telefónica Deutschland Holding

Das Schöne an meinem privaten Blog ist ja, daß ich Schimpfwörter benutzen kann, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ich habe einmal auf unserer Collaboration Plattform über die FuckUp-Night Frankfurt berichtet. Daraufhin bekam ich eine Email von einem Senior Manager eines Geschäftsbereiches, der sich über diesen Begriff mokierte. Seitdem schreibe ich über die "F***U*-Night". Nun ja.

Wie auch immer, ich höre ab und zu Klagen, daß mit der Collaboration Plattform alles viel komplizierter würde. Auf mein verständnisloses Nachfragen bekomme ich beispielsweise folgendes Problem:

Ein interner Event findet statt, es soll Promotion gemacht, Teilnehmer eingeladen, und nachher eine Zusammenfassung verteilt werden.

Bisher war dies so:
- Email an eine bewährte Verteilerliste mit den Daten des Events.
- Einladung an die Verteilerliste per Email.
- Verteilung der Zusammenfassung als Powerpoint per Email.

Mit der Collaboration Plattform:
- Aufsetzen des Events, plus Email an eine bewährte Verteilerliste mit den Daten des Events.
- Einladung an die Verteilerliste per Email, mit Link zum Event.
- Verteilung der Zusammenfassung mit Fotos und den Kommentaren unter dem Event auf der Plattform als Powerpoint per Email.

Stimmt: wesentlich mehr Aufwand. Alle bisherigen Schritte wurden beibehalten, plus es kam die Plattform on Top.

Idealerweise wäre es so:
- Aufsetzen des Events auf der Collaboration Plattform. Jeder interessierte Kollege wird darüber benachrichtigt, weil er mir oder der entsprechenden Gruppe folgt. Fotos und Kommentare werden direkt darunter gepostet. Funktioniert auf Facebook ja auch so ;)

Ok, die spannende Frage ist nun: wie komme ich von einem Email-basierten zu einem rein kollaborativen Prozess, der wesentlich effizienter ist? Dies setzt ein gewisses Umdenken in den Köpfen voraus, welches Bottom-Up ohne großes Trainingsbudget nur schwer zu erreichen ist.
Alternative Vorschläge?

Symbolbild: ein perfekter Prozess zur Stapelung von Fahrrädern in Utrecht, heute vor Ort beobachtet

Samstag, 12. März 2016

Wie ich mit Working Out Loud zu meinem Traumjob kam

Januar 2009. Ich arbeitete in einem höchst technischen Bereich an der Einführung und Inbetriebnahme von Software in die Produktionsumgebung eines grossen Finanzdienstleisters. Sehr wenig diverse Belegschaft, überwiegend männlich, weiss, deutsch. Viele Meetings und Telefonkonferenzen, Powerpointschlachten, zwischendurch Anpassung von archaischen Shell-Skripten, die Fachabteilung beruhigen und dem Hosting-Vendor hinterherjagen. Gerne Arbeiten und Bereitschaft an Wochenenden, wurde ja extra vergütet.

Mir bis heute nicht ganz klar, wie ich dort hineingeraten bin. Aber nun war ich dort, eher unglücklich und ohne wirklichen Ausweg. Aber es war halt ein Job, der die Hypothek bezahlte.

Dann las ich von einem neu gestarteten Microblogging-Service namens Yammer. Ich meldete mich spaßeshalber an. Die Website wollte meine Arbeits-Emailadresse. Da vor mir sich schon ein anderer Kollege angemeldet hatte, hatte er damit ein neues Netzwerk gegründet, und alle anderen Mitglieder mit derselben Email-Domäne traten automatisch diesem Netzwerk bei.

Spannenderweise gab es dort die Möglichkeit, noch andere Kollegen einzuladen. Dadurch wuchs das Netzwerk extrem schnell, und kurze Zeit später tummelten sich auf der Plattform mehrere tausend Mitarbeiter.

Niemand wusste so genau, was das alles sollte. Die meisten Fragen gingen über Sinn und Zweck der Plattform und deren Funktionalitäten. Aber es war auch mehr: Menschen stellte Fragen zu allen mögliche Themen und bekamen in Kürze hilfreich Antworten. Es wurden Gruppen gegründet zu fachlichen Themen, aber auch zum Reisen, Schachspielen und Motorradfahren. Der Umgangston war nett, höflich und zuvorkommend. Dieses völlig unregulierte Experiment zeigte, dass es einen Bedarf in der Belegschaft nach Austausch und Vernetzung gab.

In Deutschland, und vor allem in dem Bereich, in dem ich mich befand, war die Plattform höchst umstritten. Ich war begeistert davon, verteidigte und promotete sie gegenüber kritischen Kollegen. Auf der Platzform war ich aktiv: ich vernetzte mich, schrieb Statusmeldung darüber, was ich tat, und half anderen Kollegen. Ich war sichtbar. Heutzutage würde man das wohl am ehesten mit Working Out Loud bezeichnen.

Wenige Monate später beendete Compliance das Experiment. All das Wissen und Know-How, das Intellectual Property, lag auf einer amerikanische Plattform, mit der wir nie einen Vertrag hatten. 

Kurz danach bekam ich einen Anruf aus New York, von einem unserer Managing Directors, der auch selbst auf der Plattform sehr aktiv war, den ich nur von dort kannte, und dem ich dort positiv aufgefallen war.
Er fragte mich, ob ich für ihn arbeiten wollte, eine eigene interne Plattform aufzubauen und Communities of Practice zu gründen.
Seitdem arbeite ich in meinem Traumjob für John Stepper.


Samstag, 5. März 2016

Bonus- und Beförderungstag

(Anmerkung aufgrund von Rückfragen: nein, dieser Text ist kein versteckter Hinweis auf eine eigene Beförderung. Es geht hier nicht um mich).

Viele Firmen kommunizieren Bonus, Gehaltserhöhungen und Beförderungen einmal jährlich, meist irgendwann im ersten Quartal. Angelsächsisch heisst dieses Ereignis dann "Compensation Communication Day", und der Termin schafft es oft auch in die interessierten Blogs ( z. B. http://news.efinancialcareers.com/uk-en/236931/chris-yoshida-deutsche-bank-leaving/ ).

In guten Zeiten floss auch schonmal Champagner. In weniger guten Zeiten, wenn es keine Gehaltserhöhungen gibt und der variable Gehaltsanteil, sprich Bonus, bedeutend niedriger ist als im Vorjahr, gibt es viele lange Gesichter (von den deutsche Kollegen auch sarkastisch als DOLF, Day of Long Faces, bezeichnet). 
Natürlich wird darüber geredet und spekuliert, da fixe und variable Gehaltsanteile im aussertariflichen Bereich "strictly confidential" sind. Was aber nicht vertraulich ist, sind Beförderungen.

Beförderungen sind eine fantastische Chance, die besten Mitarbeiter öffentlich zu loben. Durch einen Beitrag auf der Collaboration Plattform können sie namentlich, idealerweise per @Mention, gewürdigt werden. Alle Kollegen können diesen Artikel ganz einfach per Mausklick liken. Zusätzlich kann per Kommentar die Wertschätzung ausgedrückt werden.

Öffentliches Lob wird viel zu selten ausgesprochen. Es kostet nichts, und kann demjenigen viel mehr bedeuten als nur die Beförderung. Wir sollten diese seltenen Moments dazu nutzen, um die Arbeit der Kollegen zu würdigen und zu feiern.


Symbolfoto: preiswerter Sekt

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